Geschöpfe der Nacht: Ennia Face - “Ein Feuerwerk am Tag ist langweilig!”

 

Nicht nur in LGBTQ-Kreisen ist Ennia Face vielen ein Begriff: Die ungekrönte Drag Queen of Techno ist von der Zürcher Techno-Szene kaum wegzudenken und begeistert sowohl mit ihren Outfits als auch mit ihrer lockeren und doch extravaganten Attitude. Ennia Face ist Cher und Miss Kittin und hat es somit geschafft, Drag und Rave auf hohem Niveau miteinander zu verbinden. Wie sie selbst behauptet, geschah dies gleichermassen durch Zufall wie Glück, da sie schon vor ihrer Zeit als Ennia Face die elektronische Szene kennen und lieben lernte.

Zusammen mit ihr und dem Zürcher Fotografen Björn Engeloch zogen wir um die Häuser und haben mit ihr über die Nacht philosophiert, und was es bedeutet, die Nacht als Busenfreundin zu haben.

„Die Stimmung, die man für die Nacht braucht, kann bereits viel früher einsetzen, vor allem bei einer Drag.“ Das ganze Ritual des “Sich-Einstimmens”, sei ein grosser Bestandteil von ihrem Dasein – das fängt schon beim Abrasieren und Abdecken des Bartes an und zieht sich durch bis zum letzten Lidstrich. Was sonst noch dazu gehört, wollen wir von Ennia wissen. „Musik! Ich habe die wahrscheinlich lustigste Playlist, die mich während meiner Transformation in Stimmung bringt: Von Marylin Manson, über Disney Soundtracks, Techno bis hin zu Montserrat Caballé und Beethoven ist alles dabei.

Und inwiefern gehört Ennia der Nacht und ihren Gestalten an? „Ich bin ein Geschöpf der Nacht - ein Feuerwerk am Tag ist doch langweilig.“ Es gibt aber verschiedene Gründe, warum die Nacht ihre liebste Tageszeit ist. „Man arbeitet nicht, man feiert. Es finden Raves statt. Als Kind war es auch immer etwas Besonderes lange wach zu bleiben. Es war unartig und frech, wenn man zu spät nach Hause kam. Man fühlte sich ein bisschen ‚enfant terrible’“, erklärt uns Ennia kichernd. Im Morgengrauen nach Hause zu torkeln und stolz auf sich selber zu sein, dass man es so lange durchgehalten hat, sei ausserdem auch etwas Tolles und gehört für sie immer schon irgendwie dazu.

Ein weiterer Grund, weshalb sich Ennia nachts am wohlsten fühlt, ist ihr farbiges Dasein als Drag Queen. „Die Dunkelheit ist meine beste Freundin, da sie mir hilft, gewisse Problemzonen zu kaschieren – sie ist ein natürlicher Weichzeichner.“ Alles, was man bei Tageslicht sehen würde, verschwindet in den Schatten: Make-up-Übergänge, Wachs zum Abdecken der Augenbrauen, Perückenansätze und kleine Bartstoppeln, die nach sechs Stunden doch langsam wieder spriessen. Trotzdem sei Day-Raves gegenüber nicht abgeneigt. Im Gegenteil: Partys, an denen die ersten Sonnenstrahlen durch die bunten Fenster der Clubs scheinen, erwecken in ihr ganz besondere Glücksgefühle. „Den Leuten wieder in die Augen zu schauen und bei Tageslicht zu raven, war und ist für mich ein geiles Feeling. Day-Raves werden so schnell aus Zürich nicht wegzudenken sein.“

Frisch fertig gemacht sagt die Drag Queen also nicht nein zu Tagespartys. Wenn sie jedoch bereits etliche Stunden unterwegs war und die Morgensonne sie langsam küsst, geht es schlicht nicht mehr. „Drag hat einfach eine Ablaufzeit. Irgendwann sieht man deine Bartstoppeln und die Perücke fängt an zu jucken. Deshalb bin ich an Day-Raves lieber als Tristan unterwegs.“

So bleibt Ennia den späten Abendstunden treu. Eine perfekte Nacht bedeutet für sie unbeschwert und frei von Stress zu sein. Mit viel Energie, gut genährt und – bei einer Drag Queen nicht selten – in guten Schuhen, kann das Feiern beginnen. Dem Inhalt ihrer Tasche nach zu urteilen, käme sie vielleicht sogar als Mary Poppins durch: Ein Fecher, Brise-One-Touch–Spray, Kaugummi, Mundwasser, Deo und Hello-Kitty-Pflaster (für den Notfall) gehören zu ihrer Grundausstattung.

Nach ihrem schönsten, nächtlichen Erlebnis gefragt, erzählt die 1.80 Meter grosse Drag fast schon leicht verlegen über einen Besuch an einer Afterparty, nach der diesjährigen Zürcher Pride. „Ich hatte noch nicht mal meine High Heels gegen meine Sneakers eingetauscht, als ich auf die Tanzfläche blickte und ein Besucher durch den ganzen Raum meinen Namen schrie. Daraufhin drehte sich der halbe Club um, rief nach mir und applaudierte. Ich war so überwältigt, dass ich sogar meine Sporttasche fallen liess. Ich dachte nur: “Wow.” Das war ein riesiges Kompliment für mich.“

Ob wir sie nun als Ennia im SpaceMonki erleben werden, oder sie der schrillen Diva nach einem durchzechten Abend einen Break gibt und als Tristan den Samstagnachmittag zur Nacht macht, bleibt abzuwarten. Doch eins weiss die Teilzeit-Drag ganz genau und zwar was für sie Love, Peace und Music bedeutet: „Das ist alles was ich brauche – nicht nur für ein gutes Partywochenende.“

 
Kevin Oberholzer