Geschöpfe der Nacht

 

„Come to the dark side, we have cookies!“

Ich sitze im ‚Acid’ und warte gespannt auf meinen Gesprächspartner. Vielleicht sogar noch gespannter als sonst, denn dieses Nachtgeschöpf habe ich in all den Jahren wirklich immer nur nachts angetroffen.  Carlos Ribeiro – vielen besser als Carlos Blackcat bekannt – kommt einige Minuten nach mir im Cafe an, begrüsst herzlich den Barkeeper bevor auch ich eine herzliche Umarmung bekomme und merke, dass er auch ohne seine Heels ziemlich gross ist. Blackcat ist schon seit Jahren ein fester Bestandteil des Zürcher Nachtlebens, sei es als Performer oder als Party-Veranstalter. Seine mehr als erfolgreiche ‚Let’s have a KiKi’-Partyreihe ist aus einigen Clubs dieser Stadt kaum wegzudenken. Seine 32 Jahre merkt man dem jungen Brasilianer nicht wirklich an, was vielleicht auch an seinem Dauerlächeln liegt.

„Meine ‚Nachtleben-Karriere’ hat bereits im 2005 angefangen. Damals arbeitete ich als Partyfotograf bei usgang.ch. Danach habe ich zwei Jahre lang im Club Q fotografiert, wo auch regelmässig die „Life is a bitch“-Partys stattfanden. Diese Veranstaltungen und ihre Tänzer*innen haben mich sehr fasziniert und nach einer Weile dachte ich: Das könnte ich eigentlich auch.“ Daraufhin ging es ziemlich zackig: Carlos schrieb die Chefin und Choreografin der Gruppe an, diese lud ihn zu einem Probeauftritt ein, bevor er dann schliesslich zum fixen Bestandteil des Ensemble der „Life is a Bitch“-Partys wurde. „Das habe ich dann lange gemacht. Irgendwann wurde aber der Wunsch immer grösser, selber entscheiden zu können, welche Outfits ich an den Auftritten tragen möchte. So ist dann Blackcat entstanden.“

Blackcat kam dann vorerst nicht so zum Einsatz, wie sich das Carlos damals vorgestellt hatte. „In Zürich gab es zu der Zeit eine Art Umbruch. Es gab weniger Partys, für die Performer*innen gebucht wurden und wenn doch, dann eher weibliche.“

Die Nachfrage nach Dragqueens und nach androgynen Figuren (zu denen sich Blackcat zählt) war auf einem Rekordtief. Diese Situation brachte ihn auf die Idee eine eigene Queerparty mit gutem Techno ins Rollen zu bringen – kurz darauf entstand die „Let’s have a KiKi“-Partyreihe. Diese hat es geschafft, in dem mehr als üppigen Angebot in Zürich zu überleben, nicht zuletzt auch wegen des dort zelebrierten ‚Freak-Chique’. Denn was Carlos auf keinen Fall wollte, war diese Art der Kunst in Zürich sterben zu sehen. „Bei uns performen Frauen, Männer, Drags und Androgyne Figuren – Freak Chique eben. Das Verkleiden hält ja auch immer mehr Einzug im Zürcher Nachtleben. In gewissen Clubs sind alle Mitarbeiter*innen passend zur Party verkleidet und auch Privatpersonen entdecken die Freude daran. Plötzlich strahlt man eine Attitude aus, man ist selbstbewusster. So war es zumindest bei mir als ich noch regelmässig in die Rolle von Blackcat schlüpfte.“

Müsste er Werbung für die Nacht machen, hätte Carlos auch schon einen Slogan parat. „Come to the dark side, we have cookies!“, sagt er lachend und gesteht mir, dass er an der Nacht vieles liebt. Die Dunkelheit allerdings, sei für ihn eigentlich gar nicht so auschlaggebend. „Es ist ein bisschen eine Fantasiewelt, die du betrittst, wenn du an einer Party teilnimmst, egal ob bei Nacht oder am Tag. Allen geht es gut, es läuft gute Musik zu der man tanzen kann, was ich halt immer noch gerne mache, obwohl Blackcat nicht mehr so oft auftritt. Man flüchtet ein wenig von der Realität.“ Für den Partyveranstalter spielen viele Faktoren eine Rolle um eine gute Nacht zu haben. Die Tatsache, dass es Nacht sein muss, gehört eigentlich gar nicht dazu. Alles was nachts an einer Party beispielsweise passieren kann, könnte seiner Meinung nach auch tagsüber geschehen. „Dabei sind drei Dinge ganz wichtig: Gute Leute, gute Musik und somit auch die Möglichkeit sich durch die Nacht zu tanzen.“ Wenn nun gerade kein Dayrave oder die Streetparade angesagt ist, dann treffen diese ausschlagebenden Faktoren gezwungenermassen eher in der Nacht ein. Also wann fängt für Carlos die Nacht an? „Das ist eine Einstellungssache. Ich mache gerne Apéros bei mir zu Hause, wo man sich gemütlich auf den Abend einstimmt, trinkt und eine gute Zeit hat. Sobald alle drei Faktoren gegeben sind, hat für mich die ‚Nacht’ angefangen. Dabei muss es, wie gesagt, überhaupt nicht dunkel sein.“

An den eigenen Partys sei Carlos immer sehr nervös, wie er mir gesteht. Es sei für ihn jedes Mal aufs neue eine Zitterpartie, entspannen könne er sich erst dann, wenn er den Club voll sieht. “Es ist immer wieder ein überwältigendes Gefühl, den Club voll zu sehen. Bis die Lokation aber gefüllt ist, bin ich ein Nervenbündel. Trotz der Cookies.”        

 
Kevin Oberholzer